Vor ein paar Tagen hatte sich bereits angedeutet, dass es am heutigen Morgen in großen Teilen des Landes zu einer Eisregenlage kommen würde. Der konkrete Ablauf und das Timing stand bereits spätestens seit gestern morgen fest. Es gab zuerst Vorabinformationen des Deutschen Wetterdiensts und am frühen Abend dann die konkreten Unwetterwarnungen. Die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen reagierten frühzeitig bereits aufgrund der Vorabinformationen und setzten jeweils landesweit den Präsenzunterricht aus, um sowohl Eltern als auch den Lehrkräften ausreichend Vorbereitungszeit zu gönnen und dafür zu sorgen, dass die Info jeden auch erreicht.
Wir haben die Entscheidung zur Aussetzung des Präsenzunterrichts bereits auf der Grundlage der landesweiten Vorabwarnung getroffen, damit wir die Schulen, Eltern und Kinder so früh wie möglich informieren konnten.
Aus der Pressemitteilung des Kultusministeriums in NRW.
Viel chaotischer wurde es in Hessen, vom dortigen Kultusministerium war folgendes zu lesen:
Hier gilt, dass grundsätzlich die Erziehungsberechtigten am Morgen entscheiden, ob der Schulweg für ihre Kinder zumutbar und sicher ist. Volljährige Schülerinnen und Schüler entscheiden dies selbst. Im Fall des Fernbleibens vom Unterricht muss die Schule auf den üblichen Kommunikationswegen informiert werden. Erkundigen Sie sich als Eltern daher ständig über die aktuellen Straßen- und Witterungsverhältnisse. Achten Sie auf lokale Radiodurchsagen – zugleich bietet das Land mit „hessenWARN“ eine kostenlose Informations-App zur Gefahrenwarnung an.
Information des Hessischen Kultusministeriums zur Wetterlage
Während also in NRW und Niedersachsen zentral bereits frühzeitig entschieden wurde, scheute man sich in Hessen davor und wälzte die Verantwortung auf die Eltern und die Schulträger ab.
Das führte in der Folge dazu, dass bereits am Sonntag die Whats-App-Eltern- und Schülergruppen heiß liefen und spärlich Informationen zusammen gesucht wurden – nicht immer waren die dort verbreiteten Infos korrekt. Als Papa von drei Kindern, die an zwei unterschiedlichen Schulen sind, muss ich dann gleich mehrere Schulen beobachten und mehrere Elterngruppen lesen und versuchte die dortigen Infos zu verifizieren.
Die Grundschule meiner jüngsten Tochter reagierte als erste mit einer Mitteilung, die mehr Verunsicherung stiftete als dass sie half. Hier der entscheidende Satz:
Daher möchten wir Sie vorsorglich über folgendes Vorgehen informieren:
Elternbrief der Schule
👉 Sollte es am Montagmorgen zu Eisregen kommen, wird in der Schule ausschließlich eine Notbetreuung angeboten. Ein regulärer Unterricht findet in diesem Fall nicht statt!
Wir bitten Sie daher ausdrücklich, Ihre Kinder bei entsprechender Wetterlage nach Möglichkeit zu Hause zu lassen und nur im zwingend notwendigen Fall zur Notbetreuung in die Schule zu bringen.
Für die Eltern heißt das: ich kann zwar selbst entscheiden, ob ich es meinem Kind zumuten kann, zur Schule zu gehen, aber ob dort dann überhaupt Unterricht stattfindet, wird erst noch entschieden. Offen lässt der Brief auch, wer wann auf welcher Basis entscheidet, was genau „morgen früh“ ist und wie man von der Entscheidung erfährt. Eisregen bei mir zuhause, an der Schule, bei der Schuldirektorin, bei einer bestimmten Lehrerin, bei einem bestimmten Lehrer, bei einem Schüler oder einer Schülerin?
Dass es zu Eisregen kommen wird, stand am Sonntagabend doch bereits fest, auch wenn das Timing der von West nach Ost ziehenden Front natürlich je nach Region unterschiedlich sein wird. Dass nicht jeder flächig in gleicher Intensität was abbekommt auch, zumal das nicht nur wetter-abhängig ist, sondern auch davon, wie gut der Winterdienst vor Ort schon vorbereitende Maßnahmen getroffen hat. Die Prognosen ändern sich nicht mehr über Nacht. Warum also der Aufschub bis in den frühen Morgen?
Es kam wie es kommen musste: man weckte die Kinder, es lag Schnee, der Eisregen, der erst später kommen sollte, war planungsmäßig noch nicht da. Als erstes sickerte die Info durch, dass der Präsenzunterricht in der Grundschule ausfällt, trotzdem war man sich in der Elterngruppe einig, dass die wenigen hundert Meter bis zur Schule zumutbar seien und die meisten in die Schule gehen. Dann kam die Info, dass nur eine Notbetreuung stattfinden und nur die Kinder kommen sollen, bei denen es nicht anders geht. Also sagten nach und nach alle in der Laufgruppe ab.
Bei den größeren Kindern fiel die Entscheidung noch später, als die ersten auswärtigen Kinder schon in den Bussen saßen. Auch die Lehrkräfte erfuhren erst dann, dass sie nicht kommen müssen. Die Folge: auch dort fällt der Präsenzunterricht aus und niemand ist auf Onlineersatzunterricht vorbereitet.
Lange Rede kurzer Sinn: alle Kinder hätten noch eine Runde ausschlafen können und ich hätte mir mit meiner Frau viel Stress am Morgen ersparen können, wenn die Entscheidungen an der richtigen Stelle schon zum richtigen Zeitpunkt erfolgt wäre.
Aber offensichtlich ist man da nicht gewillt dazu, sondern delegiert lieber. Ich frage mich, wie das dann dort abläuft und stelle mir folgenden Dialog im hessischen Kultusministerium vor:
„Das mit dieser Wetterlage ist doch total doof: sagen wir den Präsenzunterricht ab und es wird nicht so schlimm sind wir die Dummen. Sagen wir ihn nicht ab, aber es passiert was, sind wie auch wieder die Dummen. Was können wir da tun?“ – „Ich habe da eine Idee: wir sagen, die Eltern und Schulträger sollen es selbst entscheiden und verkaufen es als Eigenverantwortung!“ – „Geniale Idee, dann sind wir ja absolut fein raus. Dann müssen wir keine unliebsamen Entscheidungen treffen und uns später nicht rechtfertigen. Außerdem kann sich keiner beschweren, wir würden sie bevormunden.“ – „Genau, lass uns so machen! Bock auf eine Runde Tennis?“
Und da dieser Einwurf auch immer wieder kam: ja früher war das anders, aber früher wusste man auch nicht so lange vorher, wann, wie und wo etwas beim Wetter passieren wird. Zu Beginn meiner Schulzeit gab es noch nicht einmal ein Wetterradar, heutzutage sieht man genau, in welchem Straßenzug wie großer Hagel fällt und wo potentiell ein Tornado sein könnte. Das gab es alles damals nicht. Und die Wettervorhersage, auch wenn die immer noch weit von perfekt entfernt ist, ist um Welten besser als früher. Von daher: unterlasst bitte diesen populistischen Helden-Unsinn von früher. Danke!

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